Ein Dialog zum Thema Zivilcourage
Zivilcourage ist ein Thema, das nicht nur für den WEISSEN RING von Bedeutung ist, sondern auch im christlichen Kontext einen hohen Stellenwert hat. Am 15. Oktober 2025 fand in der Christuskirche Waldhilsbach der „Waldhilsbacher Dialog“ statt. Dies ist eine Veranstaltung mit dem Ziel, ein Thema aus theologischer und nichttheologischer Perspektive zu beleuchten und nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Das Thema war „Zivilcourage – aber sicher“.
Günther Bubenitschek sowie Franziska Schmidt haben dazu vorgetragen. Günther Bubenitschek ist der Landespräventionsbeauftragte vom WEISSEN RING für Baden-Württemberg sowie Erster Kriminalhauptkommissar a.D. in Heidelberg, Franziska Schmidt ist Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinden Wiesenbach, Waldhilsbach und Dilsberg. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Prof. Dr. Dieter Hermann.
Unter Zivilcourage versteht man den persönlichen Einsatz zugunsten von hilfsbedürftigen Personen oder prosozialen Ideen, wobei Nachteile für die helfende Person nicht ausgeschlossen werden können. Ein solches Verhalten ist besonders dann von Bedeutung, wenn Bürgerinnen und Bürger persönlich angegriffen werden, wenn ihre Grundrechte bedroht sind oder wenn die demokratische Grundlage einer Gesellschaft gefährdet ist.
Aus gesellschaftlicher und polizeilicher Sicht, so Bubenitschek, ist Zivilcourage ein Mittel, um Personen und die Gesellschaft zu schützen. Dazu ist es wichtig, bei der Ausübung von Zivilcourage den eigenen Schutz nicht zu vernachlässigen. Der WEISSE RING und die Polizei haben dazu Verhaltensregeln formuliert:
• Bringen Sie sich nicht selbst in Gefahr!
• Beobachten Sie die Situation genau und handeln Sie ggf. aus der Distanz.
• Rufen Sie die Polizei unter 110.
• Handeln Sie möglichst, bevor sich die Situation zuspitzt.
• Bitten Sie andere um Mithilfe und holen Sie sich Unterstützung.
• Kümmern Sie sich um das Opfer.
Für die Helfenden ist die Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingen hilfreich. Wird eine Person bei der Ausübung von Zivilcourage verletzt, ist sie durch die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Die Abwehr von rechtswidrigen Angriffen gegenüber einem Dritten ist nicht rechtswidrig. Wenn diese Person nicht namentlich bekannt ist, besteht sogar ein vorläufiges Festnahmerecht. Ein Nichteingreifen kann als unterlassene Hilfeleistung geahndet werden.
Die unterlassene Hilfeleistung und die Gleichgültigkeit gegenüber Menschen in Bedrängnis wird in der Bibel am Beispiel des barmherzigen Samariters anschaulich beschrieben, so Franziska Schmidt. Ein Mensch wird überfallen, ausgeraubt und schwer verletzt liegen gelassen. Ein Priester und ein Levit, zwei Vertreter der geistlichen Elite des Landes, gehen vorbei ohne zu helfen. Ein Mann aus Samarien hingegen hilft, also eine in den Augen vieler Israeliten verachtete Person. Vermutlich waren der Priester und der Levit davon überzeugt, richtig zu handeln, aber sie haben dadurch die bereits im Alten Testament formulierte Aufforderung ignoriert, Bedürftigen zu helfen. Aus christlicher Sicht ist Zivilcourage ein Akt der Nächstenliebe und der Pflicht, für eine funktionierende menschenwürdige Gesellschaft einzutreten. Ein positives Beispiel für Zivilcourage ist das Handeln von Schifra und Pua, zwei hebräische Hebammen, die vermutlich zur Zeit von Ramses II gelebt haben. Der ägyptische König gab den hebräischen Hebammen den Befehl, alle hebräischen männliche Neugeborenen zu töten. Diesen Befehl haben sie verweigert, auch auf die Gefahr hin, selbst getötet zu werden. Ihr Motiv war das Vertrauen zu Gott. Das deutlichste Beispiel für Zivilcourage ist der Tod Christi am Kreuz.
Beim Dialog mit dem Publikum wurde die gesellschaftliche Bedeutung der Zivilcourage angesprochen. Müsste unsere Demokratie nicht besser geschützt werden, indem wir mutiger gegen demokratiefeindliche Aktivitäten sowie gegen Hass im Netz vorgehen? War es fehlende Zivilcourage, die eine Entwicklung wie im Dritten Reich ermöglichte? Günther Bubenitschek und Franziska Schmidt und die Teilnehmenden waren sich einig: Unser Land braucht Menschen, die Zivilcourage leisten.
(v.l.) Prof. Dr. Dieter Hermann, Pfarrerin Franziska Schmidt, WEISSER RING Präventionsbeauftragter Günther Bubenitschek (Foto: WR)